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Magic of Supersymmetry

by Allen Tager

Die Magie der Supersymmetrie

Die Alten Ägypten

Die Alten Ägypter waren sich durchaus bewusst, in ein Universum eingebunden und diesem gegenüber verantwortlich zu sein.. In ihrer Kunst spiegelt sich eine Energie ritueller Ordnungen, die im Willen zur Stilisierung ihren formalen Ausdruck findet. Dieser Wille verbindet die Peripherie mit dem Zentrum: es ist der Wille zur „ritualisierten Synthese“. Er folgt gleichsam den Gesetzen der Natur, nämlich der Notwendigkeit, sich geordnet, ja rhythmisch zu manifestieren. Die religiöse Kunst jener Zeit zielte auf das Erschaffen von Schönheit und Rhythmus als Ordnung. Ihre Meister wussten um die gemeinsame Grundlage der Gesetze der Natur, der Gesellschaft und der Kultur; sie wussten, dass ein Gesetz nichts anderes ist als die Anpassung der Form an den mächtige Fluss der Energie. Am gewaltigsten kommen diese Ideen in den Pyramiden von Gizeh zum Ausdruck.
Diese Pyramiden besitzen die Magie der Supersymmetrie, die eines der tiefsten Naturgeheimnisse birgt. Der Schlüssel zum Verständnis der Pyramide liegt in der Konstruktion ihrer Spitze: dadurch entsteht ihre Einmaligkeit, mathematisch gesprochen der „Punkt der Synthese“. Die Spitze erzeugt jene ästhetische Leichtigkeit des Anstiegs vom Fuß bis zum Gipfel und dessen freie Fortsetzung ins Universum: jene Linie des geringsten Widerstands, die seit Jahrtausenden so magisch auf die Menschheit wirkt. Das Irdische mit dem Himmlischen verbindend, vermittelt die Konstruktion der Pyramide das Gefühl eines raschen Anstiegs zum Gipfel und eines schwerelosen Flugs ins Ungewisse. So symbolisiert die Spitze der Pyramide das Prinzip der Erkenntnis, deren Basis das des Lebens und der Form. Das Ganze bildet eine Verkörperung schöpferischer Energie. Die Pyramiden zählen zu den abstraktesten Objekten in der Geschichte der Menschheit. Im Innern dieser weisen Giganten liegt versiegelt die Vergangenheit. Es gibt nichts Emotionales. Es dominiert die ganzheitliche, von sekundären Details nicht gestörte abstrakte Form des Dreiecks. Es dominiert der reine Gedanke, der sich den umgebenden Raum unterordnet.
Auch die beiden Felsentempel des Ramses II. in Abu Simbel, Monumente der ägyptischen Blütezeit, stimmen in ihren inneren Konstruktionsprinzipien mit den Pyramiden überein. Äußerlich geprägt durch vollkommene Symmetrie und asketisch anmutende statische Schlichtheit, bestechen diese Felsskulpturen in ihrem Innern durch eine ungeahnte Mehrdimensionalität und Vielfalt ihrer Statuen und Reliefs, durch ungeahnte Variationen kosmischer Energie. Ähnlich wie bei radioaktiven Mineralien - auf den ersten Blick träge und unbeweglich –, geht von diesen Statuen eine so starke Strahlung aus, dass sie den Beschauer zwingen, gebührenden Abstand zu wahren. Die Statuen der Felsentempel zeugen in ihrem Formenreichtum von ungeahnter mentaler Energien. Wir haben hier gleichsam Diener der Menschheit vor uns, die vor dem Angesicht des Universums stehen: gereinigt von irdischem Verlangen, mit starker geistiger Ausstrahlung und kompakter Physis, die ihr Diener, nicht ihr Herr ist. Die Statuen bewahren ein großes Wissen, sie üben eine magnetische Anziehung auf uns aus und zeugen von der Vitalität einer vergangenen Kultur. So scheinen sie ständig zu vibrieren, sich rhythmisch zu bewegen und gleichzeitig in einem stoischen Gleichmut zu ruhen. Nichts Äußeres könnte ihr Bewusstsein trüben und ihr Gleichgewicht stören. Den ägyptischen Statuen im Innern der Tempel: den Kriegern, Opferpriestern und Pharaonen fehlt das menschliche Verlangen. In ihnen gibt es nicht die Leidenschaften und Dramen des suchenden Menschen. Keine Emotion trübt ihren auf die Ewigkeit gerichteten Blick. Die Künstler jener Epoche ahnten vielleicht schon das ehrgeizige Streben späterer Zeiten, dass die geistige Ruhe stören und den Verstand außer Kraft setzen sollte. Jene Zeit der ägyptischen Hochkultur markiert eine Epoche, in der der Mensch sich ausschließlich vom Intellekt lenken ließ und Emotionen keinerlei Macht über ihn besaßen. Ein Bewusstseinszustand, in dem reine Intuition und formale Rationalität zu treibenden Kräften wurden.

Die besten Werke der altägyptischen Kultur sind beeindruckende Beispiele eines Blick in die Zukunft. Die großen Meister jener Epoche schufen Bilder eines „Menschen der Zukunft“, eines in der Ewigkeit lebenden Menschen, der geprägt war durch klares Wissen und tätige Weisheit. Keinerlei Angst, Krankheit und spontane Emotion hatten Macht über ihn. Sein Leben konzentrierte sich in der Sphäre der Wahrheit und der reinen Vernunft. Die Alten Ägypter waren große Wissende. Wo das Wissen anfängt, treten die Gefühle zurück.

Leonardo da Vinci (1452 – 1519)

Ebenso ein großer Wissender war Leonardo da Vinci, gleichsam ein Titan der Renaissance: Für Leonardo bedeutete Schaffen, das Universum dazu zu bringen, sich zu offenbaren. Er studierte das Leben „von innen nach außen“, mit anderen Worten bewegte er sich von der „Welt der Ursachen zur Welt der Folgen“. Die von ihm dargestellte Welt zeigte sich erst nach und nach - wie bei der Entwicklung eines Films, um dann ihre Vollendung zu erreichen. Daher können wir gerade aus dem Studium der unvollendeten Werke Leonardos am meisten über seinen Prozess des Schaffens erfahren. Wie ein wahrer Weiser und Wissenschaftler legte Leonardo da Vinci zunächst die Strukturen der geistigen Welt frei, um sie dann – wie in einem Matrizenverfahren – ästhetisch darzustellen.



Leonardos Weg zum Gipfel seines Schaffens, der „Mona Lisa del Giocondo“, zeugt von einer völlig neuen Herangehensweise. Um seine innere Vision zu darstellen zu können, musste er die Zeichnung (disegno) verlassen bzw. jene rationale Ordnung, zu der die Zeichnung zwingt. Er musste die isolierte Form überschreiten, die die Zeichnung vorgibt. Denn die Zeichnung allein appelliert an sog. „gesunden Menschenverstand“, der nicht die Darstellung, sondern das Dargestellte genießt, als wäre es ein reales Objekt. Für Leonardo sollte indessen ist die Zeichnung nicht Selbstzweck bleiben, sondern Mittel und Werkzeug, um seiner Vision auf einer höheren Abstraktionsstufe Ausdruck zu verleihen.

Leonardos Weg zum Gipfel seines Schaffens, der „Mona Lisa del Giocondo“, zeugt von einer völlig neuen Herangehensweise. Um seine innere Vision zu darstellen zu können, musste er die Zeichnung (disegno) verlassen bzw. jene rationale Ordnung, zu der die Zeichnung zwingt. Er musste die isolierte Form überschreiten, die die Zeichnung vorgibt. Denn die Zeichnung allein appelliert an sog. „gesunden Menschenverstand“, der nicht die Darstellung, sondern das Dargestellte genießt, als wäre es ein reales Objekt. Für Leonardo sollte indessen ist die Zeichnung nicht Selbstzweck bleiben, sondern Mittel und Werkzeug, um seiner Vision auf einer höheren Abstraktionsstufe Ausdruck zu verleihen.

Das Geheimnis der „Mona Lisa“ liegt in der bewussten Absage des Künstlers an die Starrheit der Zeichnung. Leonardo verstand als Erster, dass es in der Natur keine Zeichnung gibt, sondern diese lediglich eine mentale und kulturelle Konvention darstellt. Das Festhalten an der exakten Zeichnung hemmte jede andere „gefühlsmäßigen Wahrnehmung“ der Welt. Als einer der wenigen war Leonardo in der Lage, die Oberfläche der Erscheinungswelt zu durchdringen, um die darunter liegenden Strukturen zu erforschen (z.B. in seinen anatomischen Studien). So vermochte er von den Erscheinungsformen zu deren Ursachen vorzudringen. Denn jedes beharrliche Studium der Natur sucht nach deren geheimen Gesetzen. Im Gemälde der Mona Lisa antizipiert Leonardo intuitiv die modernen Erkenntnisse der Physik. Denn gerade der wellenartige Charakter des Lichts und dessen Vibration erzeugen das innere Leben des Gemäldes und scheinen dennoch sein Geheimnis zu bewahren.

In der „Mona Lisa“ leuchtet ein einzigartiges Licht. Dessen eigene Ausstrahlungs-Sphäre übt jene große magnetische Kraft auf uns aus. Dieses einmalige Werk zeigt erstmals das wahre menschliche Wesen – den Menschen in seiner Wirklichkeit. Zum ersten Mal sehen wir eine vollständig integrierte Persönlichkeit, die ganz und gar mit der Welt verbunden ist, gleichzeitig aber als selbständige Einheit fungiert; wir sehen den Verstand und die emotionale Natur – einerseits mit dem stofflichen Körper verbunden, andererseits mit der Seele. In diesem Bild dominiert das Leuchten der Seele das äußere Leuchten der Gestalt. Obere und untere Hälfte scheinen sich zu berühren, objektive und subjektive Welt sich zu vereinigen. Es verschmelzen Seele und die Gestalt. Im Laufe seiner jahrelangen Arbeit erkannte Leonardo, dass die menschliche Gestalt nur darstellbar ist, wenn die Seele leuchtet. Nur deren Leuchten erreicht jenes magnetische Strahlen: das Leuchten des reinen Lichts.

Zudem beeindruckt hier die Synthese des Femininen und des Maskulinen. Viele Kunsthistoriker haben dies bemerkt und vermuteten, Leonardo habe dem weiblichen Antlitz Züge des eigenen hinzugefügt. Des Rätsels Lösung liegt jedoch woanders. Erstmals in der Kunstgeschichte zeigte Leonardo hier drei Aspekte des Lichts: das Licht des Wissens, das Licht der Weisheit und das Licht der Intuition. So suchte er hinter allen Formen und Erscheinungen das Licht der Seele. So übertrug er das Sehen des Mystikers in klare Gestalt. Dieses Bild ist mehr als das Portrait einer Frau der Renaissance. Hier stellt der Künstler ein Wirklichkeit dar, deren Repräsentantin Giocondo ist. Er offenbart einen Seinszustand, der bislang nicht darstellbar war.
Vor Leonardo zeichneten Maler die exakten Konturen eines Objekts, wie von einem Rastert umfasst, und füllten dann sorgfältig die Räume zwischen den Linien mit einer Farbe, die mehr oder weniger der Realität entsprach. Das war simples Ausmalen der Felder zwischen den Linien, wie es unsere Kinder unter der Aufsicht schlecht ausgebildeter Erzieherinnen tun. Leonardo vermochte darüber hinaus zu gehen, weil er den Wellencharakter des Lichts erfasst hatte. In der Stille seiner Werkstatt entdeckte er, dass der Raum weder durch Zeichnung noch durch Perspektive repräsentiert wird, sondern seine Tiefe durch Lichtvibrationen entsteht. Licht ist Form, die innere Aktivität vollständig zum Ausdruck bringt; Schatten sind lediglich die Fortsetzung dieser inneren Aktivität des Lichts.
Die Überschreitung der Grenzen der Zeichnung durch Lichtsetzung bildete eine Zäsur der Kunstgeschichte. Ein weiteres Mal war seit der Zeit der ägyptischen Kultur die Trennung von innerer und äußerer Welt, Mikro- und Makrokosmos in einer ganzheitlichen Darstellung überwunden.
Durch die moderne Psychologie und Psychoanalyse verstehen wir heute vielleicht die Abgründe der menschlichen Seele besser, um das Schaffen Leonardos würdigen zu können, das von tiefer Weisheit und Liebe zur Menschheit zeugt. Dessen Leben und Werk beweisen, dass eine klare verstandesmäßige Durchdringung der Erscheinungen die Darstellung der inneren Seele nicht ausschließt, sondern im Gegenteil befördert. Im Widerspruch zur landläufigen Meinung ist das Denken im Vergleich zum Fühlen nichts Kaltes. Vielmehr hilft es uns, persönliche Sinnestäuschungen und Vorurteile zu meiden.
Bloße Euphorie ohne rationales Differenzierungsvermögen ist der Kunstgeschichte nicht dienlich. Leonardo bewies, dass in der Macht des Denkens jene große Kraft liegt, die ein individuelles und kollektives Entwicklungspotenzial verspricht und die allein so etwas wie Zuneigung und Liebe zum Ausdruck zu verbringen vermag. So wird „Liebe“ gleichsam zum Impuls eines schöpferisches Motivs. Ein Motiv will in die Tat umgesetzt werden. Daher kann Liebe auch als „tätige Weisheit“ bezeichnet werden, denn Weisheit ist durch Erfahrung gewonnenes und auf Liebe gegründetes Wissen: Liebe und Weisheit können Synonyme werden.
Weisheit ist stets gebunden an die Entwicklung des Lebens in einer Form, an den Fortschritt des Geistes und die Erweiterung des Bewusstseins. Sie ist der lebensnahen Seite der Evolution zuzuordnen. Da sie das Wesen der Dinge berührt und nicht die Dinge als solche, ist sie die intuitive Wahrnehmung der Wahrheit, die von rationalen Fähigkeiten unabhängig ist, jenes angeborene Begreifen, das die Lüge von der Wahrheit zu unterscheiden vermag und das Reale vom Irrealen. Weisheit ist eine Disziplin des Geistes, ebenso wie Wissen ein Disziplin ist, die die materielle Beschaffenheit der Welt erforscht. Wissen trennt, Weisheit verbindet.
Errungenschaften der Vergangenheit halten Versprechen für die Zukunft bereit. So sollte Leonardo durch sein Leben und Werk bereits die Universalphilosophie späterer Zeiten vor. Sein erstaunliches Leben zeigt ein weiteres Mal, wie wichtig die Geschichte der Ideen ist, die die Menschen umtreiben und Kultur und die Zivilisation nach und nach formen.



El Greco

Unter diesem Aspekt möchte ich auf die Werke El Grecos eingehen, die ebenso mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen verbunden werden können wie bei Leonardo. Hier nämlich geht es um die Elektrizität. Physikalisch ist erweisen, dass elektrische Entladungen während eines Gewitters dazu beitragen, die Atmosphäre zu reinigen. Für den Philosophen und Gelehrten El Greco war die Luft von Symbolen erfüllt, denn Luft ist Synthese, sie ist das, was die höheren und die tieferen Schichten der Materie miteinander verbindet. Als Mystiker suchte er mit Leidenschaft Antworten in der Beobachtung des Firmaments und im Raum jenseits des Horizonts. Letztendlich verschmolzen für ihn Licht und Substanz. In seiner Kunst erkannte El Greco als Erster das Phänomen der Elektrizität und berichtete davon lange vor deren wissenschaftlichen Entdeckung durch Edison. Er studierte den Blitz. Denn nur eine so starke Entladung wie die eines Blitzes schafft ein so kraftvolles Licht, einen so nahezu phosphorartigen Strahl, eine solche Schärfe und eine solche Spannung des Lichtschattens, wie sie auf den Bildern des Malers zu finden ist. In der pulsierenden und dynamischen Landschaft „Ansicht von Toledo“ (Metropolitan Museum of Art) wird die Stadt für nur einen Augenblick vom blitzartigen Aufflammen eines flüchtigen Lichts erhellt. Dies aber reicht aus, um eine „vielfache Identifikation“ zu schaffen, nämlich eine subjektiven Einheit mit der kosmischen Energie zu suggerieren. Diese Landschaft von Toledo – die einzige, die er je malte – enthält den für einen gewöhnlichen Betrachter nicht sichtbaren Schlüssel zur gesamten künstlerischen Welt El Grecos.

Claude Monet

Ein Jahrhundert später erfuhren diese Gedanken eine bemerkenswerte Fortentwicklung durch Claude Monet. Eine wesentliche Entdeckung Monets war das Sichtbarmachen der integrierenden Fähigkeit der Elektrizität, die sich hinter allen Erscheinungen verbirgt. Diese Fähigkeit lässt Formen in einem Zusammenhang erscheinen und erfüllt sie mit einem Leben. Ein mittelmäßiger Maler setzt Licht, um eine Form zu gestalten; einen genialen Künstler aber beschäftigt etwas ganz Anderes – er setzt die Energien, d. h. die Eigenschaften ein, die diese Farben transportieren; maßgeblich für ihn ist, auf welche Weise sie das Leben zum Leuchten bringen, das sich im Innern der Formen bildet. Durch diese Akzentuierung des Lebendigen unterschied sich Monet nicht nur von anderen Impressionisten, sondern nahm in der Kunstgeschichte eine Sonderstellung einnimmt.
Wenn eine Kultur noch sehr jung ist, werden Farben vor allem als rein emotionale Akte benutzt, dies geschieht auch in der Kunst der Naturvölker und in jeder Folklore. Erst später in der onto- und philogenetischen Entwicklung fließen Motive der Liebe oder der Weisheit in die Arbeit ein. Was Monet betrifft, so versuchte er, niedere Farbvibrationen zu vermeiden, wie Braun-, Grau- und giftig-grelle Grüntöne. Er arbeitete intensiv am Prozess der Transmutation von Farben in deren höhere Entsprechungen. So wird in seinen Werken die Materie plötzlich wahrnehmbar: Infolge einer hohen Vibrationsfrequenz beginnt sie zu leuchten und wie aus dem Verborgenen zu strahlen.
Viele Kunsthistoriker sehen Monet stark beeinflusst von den Gemälden des englischen Malers William Turner. Doch m.E. war Monet weit empfänglicher als dieser für die Wandelbarkeit der Farben unter Lichteinwirkung. Zwar förderte Turner mit seinen Werken das Verständnis für die energetische Lichtsättigung, ging aber nicht weiter. In der Physik besitzen elektrische Ladungen eine Kohäsion, und sie erzeugen Licht. Turner arbeitete vor allem mit dieser Lichterzeugung und deren Strahlung, während Monet in seinen Arbeiten auch die Kohäsion berücksichtigte. So konnte er in seinen Werken jene vollkommene Synthese von Licht und Farbe erreichen, die kunstgeschichtlich einmalig ist.

Vieles von dem hier Erörterten gilt für eine ganze Reihe von Künstlern. Oft jedoch spielt die Intuition im künstlerischen Schaffensprozess eine herausragende Rolle. Sie überschreitet die Illusion des Einzelnen, auch wenn sie nicht abhängig ist von mystischen Visionen, Stimmungen oder Dogmen. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung überschreitet die Intuition im Werk das Individuelle in Richtung auf ein Kollektiv. Intuition ist völlig unpersönlich und zielt auf das Wohl einer Gruppe, wo nicht gar der Menschheit..

Van Gogh

Es ist eine Art schöpferischer Phantasie, die die Möglichkeiten der Wahrnehmung zu erweitern vermag. Dies Fähigkeit besitzen alle Menschen. Oft erfahren wir im momentanen Geistesblitz einen Moment der Klarheit, oder fühlen eine Harmonie mit der Natur, wenn wir offen und aufmerksam sind. In diesen seltenen Momenten fließen Farben und Formen zusammen und lassen uns jäh die Schönheit, Weisheit und Harmonie der Welt wahrnehmen, wir erfahren die Realität sekundenlang anders als sonst. Natürlich sind diese Momente rar und ephemer. Wir bleiben mit einem Gefühl des Verlusts zurück und der Wunsch das Einmalige festzuhalten, was bereits verflogen ist. Wir möchten das Gesehene zurückholen, dem Erfahrenen eine Form verleihen, das Erlebte an Andere weitergeben. Wie aber ist zurückholen, was scheinbar schon verschwunden ist? Hier gilt es, ein bekanntes Phänomen des Geistes zu begreifen: das, was der Mensch gesehen und was ihn berührt hat, ist noch gegenwärtig und erfüllt die Realität – wer sich tatsächlich entfernt hat, ist der Mensch – nicht seine Vision. Deshalb malte vielleicht auch Van Gogh so rasch und stets unter großer psychischer und physischer Anspannung, um eine Arbeit auf Anhieb zu beenden. Damit wollte er seine flüchtige Vision der Wahrheit festhalten, bevor sie entflohen war.

Diese Momente fas spiritueller Erfahrungen verlangen unsere Aufmerksamkeit. Es reicht nicht, die verborgene Welt der Schönheit zu spüren, um sie zu berühren. Es gilt, die Vision festzuhalten, um sie nach Bedarf reproduzieren zu können. Eben diese Fähigkeit fehlte Van Gogh. Ihm fehlte eine Gesamtschau und eine genügende Kraft der Synthese. Heute eignen wir uns das Verständnis verschiedener Naturprozesse Schritt für Schritt, Detail für Detail, Beispiel für Beispiel an. Van Gogh jedoch verfolgte einen anderen interessanteren Weg. Um die ihm fehlende Eigenschaft zu kompensieren, gelang es Van Gogh relativ schnell eine dem menschlichen Auge eigene Fähigkeit zu entwickeln, nämlich, in einem Augenblick eine ganze Landschaft in ihrer Gesamtheit zu erfassen und gleichzeitig ihre wichtigsten Charakterzüge zu bemerken.
Die wahre schöpferische Kunst ist eine Funktion der Seele. Die erste Aufgabe des Künstlers besteht darin, sein inneres Leben zu ordnen und ins Gleichgewicht zu bringen, um eine eigenen semantische Welt zu schaffen. Ebenso sind die sozialen Beziehungen zu ordnen. Beides zu vereinbaren, erfordert eiserne Disziplin, und eben daran scheitern viele Künstler. Die moderne Psychologie hat gezeigt, dass individuelle psychische Probleme oft verallgemeinerbar sind. Die Ursache liegt im Gefühl scheinbarer Einzigartigkeit, im Kult des „einsamen Genies, die zur Selbstüberschätzung führen. Lebenskunst ist mehr und umfasst mehr, als das Abtauchen in eindimensionale schöpferische Aktivität. Das Losgelöstsein von anderen Seiten der Wirklichkeit erzeugt Isolation, Angst, Depression, Verzweiflung und zahlreiche Illusionen.

Das Leben Van Goghs veranschaulicht die Unfähigkeit, ein seelisches Gleichgewicht zu finden; es zeigt eine ungleichmäßige, unausgewogene Entwicklung infolge einseitiger Fokussierung (hier – auf die Malerei). Sie zeugt von einer pathologischen einseitigen Ausrichtung der Kräfte. Denn in jeder Krankheit manifestiert sich ein unaushaltbarer subjektiver Zustand: jede Krankheit ist u.a. Folge eines unterdrückten Seelenlebens.
Daher kann Van Gogh, der die Seele suchte, die Materie veränderte und die Gesetze des Schaffens demonstrierte, nicht mit den dualistischen Begriffen „gut“ oder „schlecht“ beschrieben werden. Diese moralischen Begriffe wären hier vollkommen sinnentleert. Das Drama von Van Goghs Leben und Schaffen liegt im Unvermögen, einen alten mit einem neuen Rhythmus in Einklang zu bringen, oder das Vergangene mit dem Zukünftigen. In diesem Sinne ließe sich die Kunstgeschichte aus psychopathologischer Sicht revidieren. Das Genie hat seinen Preis, und Genie und Wahn liegen nahe beieinander.Jedoch müssen Opfer gebracht werden, um die menschlichen Wahrnehmungsfähigkeiten zu entwickeln und zu erweitern.

Paul Gaugin

Paul Gaugin gelingt in seinen Gemälden etwas wirklich Zauberhaftes: Armut darzustellen und gleichzeitig den Reichtum des Lebens zu zeigen. Sein Leben und sein Werk widmeten sich der Suche nach jener immanenten Kraft der Natur, die einer Existenz Sinn und Seele verleiht. Wie ein Naturwissenschaftler versuchte Gaugin, das Animalische des Menschen und dessen Reaktionen auf die ihn umgebene Welt zu ergründen. Die Antworten auf seine Fragen berühren anthropologische Konstanten. Ihn interessiert das Erwachen der Bedürfnisse nach Selbsterhaltung, Sexualität, Gruppenzugehörigkeit und Selbstbehauptung. Gewiss war ihm klar, dass diese primären Triebe kulturell sublimiert werden: der Geschlechtstrieb wird zu einer bewusst erlebten körperlichen und seelischen Verbindung, der Herdentrieb mündet in das Bewusstsein der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, der Trieb nach Selbstbehauptung in die Festigung der Persönlichkeit, um schließlich zum ausgeprägten Individualismus der Neuzeit zu werden. Der Künstler beobachtete die instinktiv verwurzelten Ängste – seine eigenen und die seiner Modelle – und analysierte deren Einfluss auf die menschliche Entwicklung. In seinen Bildern stellt er den Zuwachs des Wissens dar und versucht zu verstehen, worin die Ursachen der Evolution lagen, was der schlummernden Seele den Impuls zum Streben nach Fortschritt gab, der die Menschen der Vorzeit aus ihren Höhlen trieb und über Jahrmillionen der Entwicklung in die Welt von heute führte.

Gaugins Bilder scheinen von Gerüchen durchdrungen. Sie riechen nach betörenden Lilien, reifen Mangofrüchten, nach Wellen, Hunden, Pferden und barfüssigen Frauen. Jeder Farbton ist einem bestimmten Duft und Klang zugeordnet – die Werke zeugen von einem intuitiven Wissen. Vor allem die Korrelation von Farben und Gerüchen bestimmte viele seiner Neigungen und Abneigungen und war besonders wichtig für ihn. Er spürte, dass der Geruchsinn sehr intensive Empfindungen verursacht, die den Menschen zu seinem Ursprung zurückführen und Einblicke in den archetypischen Plan gestatten können, der ihm vorgezeichnet ist. Gaugin ging gleichsam seiner Nase nach, die ihn aus Frankreich auf die fernen polynesischen Inseln führte, um dort die Fähigkeit zu entwickeln, intuitiv den Vibrationsfrequenzen seiner Heimat nachzuspüren.
So suchte der Künstler nach der subtile Wechselwirkung zwischen der sexuellen Energie der Pflanzen, die Blumen und Hölzer als Duft verströmen, und den feinen Energiefäden, die die Fauna mit dem Menschen verbindet. In welche Richtung Gaugins Suche ging, erkennt der Betrachter z.B. an den zahlreichen Lilien mit ihrem kräftigen unverwechselbarem Duft, die von einem Bild ins andere wandern. Gaugin interessierte die Stärke der Triebe, die Macht der Lust, vor allem der geschlechtlichen als eines Teils des großen sexuellen Rituals der Natur, das die menschlichen Evolution entscheidend prägen sollte. Flora und Menschheit entwickelten sich nach ihrer je eigenen Grundformel synchron miteinander: Die Pflanzen entwickelten Formen und Düfte, für die der Mensch empfänglich war. Gaugin versuchte ebenso die Gesetze zu begreifen, auf denen die radioaktive Strahlung der Mineralien beruht, wie diejenigen, die die Ausströmung des Dufts der Pflanzen regulieren..

Gaugin begriff die Natur als Einheit. Alle auf der Leinwand festgehaltenen Realien – Blume im Haar, Frucht in der Hand, Pferd auf der Wiese, Mensch und sein Tun – sind gemeinsam mit dem Künstler eingebunden in den gigantischen planetarischen Lebenskreis und unterscheiden sich von einander einzig und alleine durch ihr Bewusstsein. In vielen auf Tahiti entstandenen Bildern zeigt Paul Gaugin das Leben als etwas Unteilbares, wie es sich manifestiert in unzähligen Formen und Arten, die in ihrer Gesamtheit unseren Planeten bilden.

Auf der Suche nach Synthese erforschte Gaugin die Entwicklung der Wertesysteme, angefangen bei primitiven Kulturen bis hin zur modernen Industriegesellschaft. Er interessierte sich für die Veränderungen des menschlichen Bewusstseins, die die Menschheit auf eine höhere Windung der Evolutionsspirale brachten, während sie gleichzeitig denselben rhythmischen Gesetzen - etwa dem Wechsel der Jahreszeiten – unterlag wie Flora und Fauna. Die religiösen Vorstellungen seiner Zeitgenossen zielten zwar auf eine physische und eine geistige Neugeburt, doch die Verbindung beider wurde ausschließlich als symbolische verstanden. Im Gegensatz dazu spürte Gaugin, dass beide Arten von Neugeburt sich ähneln und in einer engen Beziehung zu einander stehen. Ohne Fleischwerdung kann sich kein Geist manifestieren, ohne körperliche Geschlechtsbeziehung wird die Seele keine Einheit mit der Persönlichkeit bilden. Sex ist lediglich ein Beispiel des Gravitationsgesetzes auf physiologischer Ebene. Körperliche Anziehungskraft und sexuelle Beziehung sind für die meisten Menschen gleichbedeutend mit dem Weg des geringsten Widerstands. Mit anderen Worten ist Sex ein unbewusster Ausdruck menschlicher Kreativität, parallel zum bewussten Gestaltungswillen.

Auf dem Bild „Zwei Frauen von Tahiti“ lässt Gaugin eine weiße Lilie im Haar einer jungen Frau am Strand zu einem Urbild der Schöpfung werden, indem er sie harmonisch in das Muster des Sarongs überführt, das aus verstreuten großen weißen Lilien besteht. Der Künstler bringt in seinen Arbeiten zum Ausdruck, dass er glaubt, die schöpferische Fähigkeit primitiver Völker sei verknüpft mit deren Fortpflanzungstrieb und gleiche einer sexuellen Stimulation. Diese bilde letztendlich den Ursprung der Neuschöpfung von Worten sowie der Gestaltung von Gebrauchsgegenständen, Kleidern und Behausungen.

Gaugin zeigt emotionale, lebhafte Seelen, die sich der Welt öffnen und sich mit ihr verbinden. Er stellt Menschen mit erwachter animalischer Energie und ungezügelter Lust dar. Es sind kindliche Seelen, denn obwohl sie eine mentale Ausrüstung besitzen und lernfähig sind, konzentriert sich ihr Leben auf die physische Aktivität, motiviert ausschließlich durch scheinbar „oberflächliche“ Wünsche.

Form ist ein Ergebnis der Lust, sie resultiert praktisch aus einer großen Lebenslust. Unter den Bewohnern der tropischen Inseln Tahiti und Martinique lebend, schien Gaugin Leid und soziale Not wie Armut und wirtschaftliche Abhängigkeit in den Industrieländern vor allem begründet in der Verdrängung elementarer Wünsche durch die Jagd nach kurzlebigem und vergänglichem Konsum. Erst die Psychoanalyse sollte Anfang des 20. Jahrhunderts. die Frage nach der Qualität verdrängter Wünsche aufwerfen. In unserer Zeit, wo die Psychologie an Einfluss gewinnt und die Gehirnforschung zur Leitwissenschaft geworden ist, geht es zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit nicht mehr um die mentale Kontrolle der Lust, sondern um eine wissenschaftliche Erforschung der Qualität der Wünsche. Die Qualität der Wünsche ist eine Schlüsselfrage der modernen Humanwissenschaften. Sie wird die Zukunft entscheidend beeinflussen. Sobald wir die Bedeutung der Lust verstehen, wird sich das Denken ändern, so dass Zivilisation und Kultur neue Formen annehmen, die harmonisch in die neue Zeit passen.

Marc Chagall

An der Schwelle zum 20. Jahrhundert geboren, stand Marc Chagall an einem Scheideweg dreier einzuschlagender Richtungen: Der eine Weg führte in die Isolation eines traditionellen jüdischen Städtls, wo im Gefühl des Auserwähltseins ethnische und religiöse Absonderung kultiviert wurden. Der andere Weg versprach an seinem Ende eine neue soziale Ordnung – als Konsequenz der sich bereits abzeichnenden Revolution, die in Russland ausbrechen und mit ihren Ideen die Weltanschauung vieler Menschen auf der ganzen Welt beeinflussen sollte. Der dritte Weg bewahrte sich die Freiheit des Denkens, indem neue Konzepte ausprobiert und misslungene verworfen wurden – eine bewährte Methode, das Schaffen des Menschen in Einklang zu bringen mit der Vorstellung einer ursprünglichen Harmonie der Welt. Chagall entschied sich für diesen dritten Weg, da er die jüdische Auffassung von der Weisheit der Schöpfung verinnerlicht hatte, der zufolge die Errichtung der Welt bestimmten geistigen Gesetzmäßigkeiten folgt. Im Laufe der Zeit wurde er für diese Gesetzmäßigkeiten stetig empfindsamer und wirkte mit, sie zu erkennen und aus dem Dunkel des Unbewussten in die moderne Kultur zu übersetzen.

Chagall war ein emotional geleiteter Mensch. Solche Menschen verlangen stets nach Schönheit, Stärke und Weisheit. Oft sehen sie als Erwachsene wie Jugendliche aus und handeln auch so, denn ihr Interesse an den mannigfachen Ausdrucksformen des Lebens erlischt nie. Die meisten Werke Chagalls sind außerordentlich dicht strukturiert, als wären sie zusammen gehalten durch innere geistige Bande, nicht durch eine äußerliche Organisation. So lässt sich Marc Chagalls Gesamtwerk zusammenfassen unter dem Motto: Liebe, die die Einheit beseelt.

Chagalls Arbeiten sind keine Phantasiegebilde, als die sie von Kunsthistorikern oft bezeichnet werden, denn Phantasie ist weder reiner Wunsch noch reiner Gedanke: sie ist nichts anderes als eine von Menschen erzeugte Vorstellung. Im Laufe der individuellen Entwicklung wird Phantasie allmählich durch Intuition ersetzt. Chagalls Bilder sind Ergebnisse eines intuitives Wissens. Marc Chagall gehört zu jenen Künstlern, die keine Autoritäten anerkennen, sondern ihrer Seele folgen. Im Schaffensprozess wurden ihm universelle Wechselwirkungen, das Aufgehen des Einzelnen in einem größeren Ganzen und Erlebnisse von Vereinigungen offenbar: Diese beweisbaren Erkenntnisse führt er dem Betrachter seiner Werke vor. Er durchlebte die Wirren des Ersten und zweiten Weltkriegs und der russischen Revolution – ein irrsinniges, wüstes Durcheinander, das alle Ebenen des menschlichen Bewusstseins aufwühlte. Mit seiner Kunst erinnerte er uns daran, dass jene Wirren ihre Wurzeln oft so weit in der Vergangenheit haben, dass sie von Historikern vielleicht nie erforscht werden können. Und nur in diesem Unwissen über die wahre Natur des frühen Menschen, glaubt der Betrachter, Chagalls Bilder seien seiner Phantasie entsprungen. Durch sein Leben hat der Künstler bewiesen, dass alle Veränderungen nicht von einer äußeren Macht aufgezwungen waren, sondern von den Menschen selbst herbeigeführt wurden. Besonders stark war bei Chagall eine Fähigkeit ausgeprägt, über die alle Menschen von Geburt an verfügen, die man vielleicht als „mystische Wahrnehmung“ bezeichnen könnte: Dieser Begriff beinhaltet viel mehr, als gewöhnlich vermutet wird, nämlich die Fähigkeit, Unbekanntes zu erspüren und intuitiv Ideen zu empfangen, ebenso wie die subjektive Welterfahrung mit der objektiven Wirklichkeit zu verbinden.

Paul Klee

Alles kann und soll in den Begriffen des Bewusstseins interpretiert werden. Manche Farben können die Menschen noch nicht sehen. Aber bereits in naher Zukunft werden sie diese durch eine Bewusstseinveränderung vielleicht sehen können. Jeder Farbton im Universum existiert in drei Weisen: als reale Farbe, als illusorische Erscheinung und als Reflektion. Auf der Erde gibt es lediglich diese dritte Form. Farben, die in die physische Sphäre „projiziert“ werden und dort sichtbar sind, gehören zu den gröbsten und grellsten ihrer Art. So ist selbst die raffinierteste Nuance, die unser Auge wahrzunehmen vermag, noch grob, verglichen mit der Palette einer gleichsam erhabenen Ebene. Diese Ebene des Erhabenen berührt sonst „verborgene“ Sphären der Materie, die bei jedem Übergang auf eine höhere Stufe die Schönheit, Weichheit und Raffinesse ihrer Farbnuancen offenbaren. Auf der höchsten Stufe der Synthese übersteigt die Schönheit der Farben jede Vorstellungskraft. Nur durch Intuition vermögen wir die Farben dieser Welt des Erhabenen zu erahnen, die sich unter den sichtbaren verbergen.

Paul Klee hat gelernt, Farben, Farbnuancen und Lichtvibrationen zu unterscheiden, die nicht der physikalischen Welt angehören. Seine Arbeiten sind Beispiele dafür, wie anstelle des Glaubens ein Sehen tritt und aus der Sehnsucht die Möglichkeit einer Auslese wird. So setzte er das Werk seiner großen Vorgänger El Greco, Leonardo, Rembrandt, Turner und Monet fort und suchte das verborgene Leuchten, die unsichtbaren Strahlen zu erkennen. Für ihn resultierten diese aus einer immer reiner und größer werdenden inneren Flamme – einer Bündelung von Strahlen, die verborgene feine Materie aussendeten. Klee entdeckte den inneren Sinn der Strahlung, d.h. die Freisetzung jener Kraft, die allen Elementen und Atomen eigen ist.

Klee definierte die Rolle des Künstlers und die Aufgabe der Kunst neu: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, Kunst macht sichtbar. Diese Aussage ist wichtig, um das geistige Prinzip schöpferischer Arbeit zu verstehen. Ebenso wie die Wissenschaft macht die Kunst jenes sichtbar, das in der Natur seit jeher vorhanden ist, aber meist verborgen ist, weil das Bewusstsein zu beschränkt bleibt, um einen unmittelbaren Kontakt mit der Ideenwelt herzustellen. Denn vielen Menschen, die eine traditionellen Schulbildung genossen haben, mangelt die Fähigkeit zur Entwicklung ihrer Intuition. So vermag nur eine kleine Gruppe besonders empfindsamer Geister sich den Zugang zum ummittelbaren Wissen zu verschaffen. Diese Situation könnte sich durch eine Reform der Bildung ändern: einer Bildung, die nicht nur den Intellekt fördert, sondern vor allem die Intuition als gleichwertigen Aspekt des Verstehens.

Die Psychologie unterscheidet drei Aspekte des Verstehens, drei Seiten jenes denkendes Wesens, das wir Mensch nennen und die dessen Natur konstituieren:

* niederes, konkretes Verstehen, Vernunft als Prinzip. Auf diesen Aspekt konzentrieren sich Schulbildung, Psychologie und der sog. „gesunde Menschenverstand“, der das bloße Überleben sichert;
* das individualisierte Verstehen oder der „Intellekt“, der den meisten gebildeten Menschen in unserer Zeit eigen ist. Der Intellekt ist der rationale, analytische Aspekt des Verstehens, das mit dem Wissen eng verbunden ist;
* und schließlich das höchste abstrakte „intuitive Verstehen“, das die Intuition als Brücke zwischen dem Verstand und der Ideenwelt benutzt. Durch dieses höchste intuitive Verstehen wird jenes niedere gleichsam erleuchtet. Hier sucht die Philosophie ihre Verbindung mit der Ideenwelt. Diese Art des Verstehens leitet seit jeher die herausragenden Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Kultur, Wirtschaft und Politik.

Die meisten Menschen benutzen nur Vernunft und Intellekt, also nur ihr instinktives und intellektuelles Vermögen. Die Aufhebung der Trennung zwischen den einzelnen Arten des Verstehens ist ein Merkamal der Genialität. Denn bei der Verbindung aller drei Arten des Verstehens kommt die Schlüsselrolle der Intuition zu, die eine neue Sphäre des Sinns und der Ursachen erschließt. Hier kommt es zur Synthese von Instinkt, Intellekt und Intuition: der Mensch erfährt die Ganzheit. Allein das Verstehen ermöglicht die Erfahrung von Integrität. Auf diese zielt letztendlich diemenschlichen Evolution.
Das Wesen der Genialität, ihre Beschaffenheit sind für unsere Analyse ausgesprochen wichtig. Der Künstler wendet sich nach innen, er untersucht Motive und Eigenschaften, die ihren Ausdruck in der Außenwelt suchen. Während er diesen Prozess studiert, gewinnt er weitere Kenntnisse über jene Eigenschaften, die hinter den Erscheinungen verborgen sind und nach Ausdruck streben. Indem der Mensch lernt, sich selbst zu erkennen, gewinnt er gleichzeitig Kenntnisse über die Eigenschaften, die den einzelnen Phänomenen zu Grunde liegen. Auf der Suche nach der Grundsubstanz lernt der Künstler ein Ton kennen, der in allen Lebewesen erklingt, und fixiert das verborgene Motiv einer jeden Erscheinung. Eben diese Fähigkeit unterscheidet die Kunst von Zielen und Aufgaben des Kunstgewerbes und allen Arten der Folklore.

In vielen seiner Arbeiten benutzte Klee das Prinzip der Polyphonie der Farben. Er beschäftigte sich intensiv mit einer möglichen Transmutation der Farben in deren höhere Entsprechung. Es ist zu betonen, dass hier die Rede von einem angewandten und nicht formalen Aspekt der Farbe ist. Eine Farbe ist lediglich eine Form, die die Kraft in ihrer Bewegung annimmt, sofern das sie durchdringende Material ihre Wirkung nicht beeinträchtigt. Durch Praktiken der Wiederholung schuf Klee polyphone Farbkompositionen. Diese Praktiken beruhten auf der Idee einer Schlüsselnote, d.h. eines Tones, der eine je eigene Form bildet. Sobald der Ton „erklingt“, wird ein Effekt erzielt, der an die Wiedergabe einer und derselben Note in verschiedenen Oktaven erinnert. („Polyphonie“, 1932, und „Crystal Gradation“, 1927, Kunstmuseum Basel, „Abenteuer eines Fräuleins“, 1922, Tate Gallery).

Jeder Künstler besitzt seine eigenen Vibrationen, die auf eine ganz spezifische Art und Weise auf den Betrachter wirken. Das Gesetz der Vibrationen wird noch eine tiefe und vielseitige Erforschung erfahren. Es bestimmt das Verhalten alles Lebens. Seine grundlegende Wirkung wird in den Kategorien Farbe und Ton bewertet.

Die Stellung Paul Klees in der Kunstgeschichte ist einzigartig, vor allem wegen seiner intensiven geistigen und intellektuellen Impulse, die nicht nur die gesellschaftlichen Avantgarden beeinflusste, sondern auch die Masse. Gerade in dieser Hinsicht setzte er die geistige Linie der altägyptischen Meister fort. Diese Impulse entstammten dem Wunsch, eine neue Zivilisation auf Basis einer subjektiven Kultur zu gründen.

Die Hinwendung zur Abstraktion, zu Kultur und Wissenschaft, die dieses Denken wiederspiegeln, erforderten eine weitere Analyse. Wie der Suprematist Kasimir Malewitsch schuf auch Paul Klee eine eigene Schönheit der Welt und näherte sich so jener inneren Wahrheit, die ihren abstrakten Ausdruck fand. Malewitsch und Klee versuchten die Menschheit für eine Welt jenseits des Sichtbaren zu sensibilisieren, und es ist ihnen durchaus gelungen. Darin liegt beider Bedeutung in der modernen Kunst.

Echte Schönheit ist stets verschleiert, sie liegt verborgen unter den Erscheinungen mit ihren unzähligen Einzelheiten. Nur dank einfacher Formen, die letztendlich von vielen entdeckt und geschätzt werden, wird eine neue Schönheit definiert, die der Wahrheit näher kommt, insofern sie Sinn und Ziel der Schöpfung auszudrücken vermag. In der langen Geschichte der Menschheit sollte sich die Tendenz zur Einfachheit immer dann durchsetzen, wenn die Praxis anhand von Theorie neu durchdacht wurde. Dieser Prozess verlief nie geradlinig, weil er Experimente und Auseinandersetzungen beinhaltete, die der Menschheit nicht nur Wissen, sondern auch Leid brachten. Erst nach langer Erfahrung sind neue Ideen auch ästhetisch umsetzbar und können den zerstörerischen „Wunsch nach Mehr“ – diese fundamentale Schwäche der Menschheit – verdrängen, um die Einfachheit wiederherzustellen. Einfachheit kann und soll zum Schlüsselbegriff der Moderne werden, weil nur sie unserer materialistischen Lebensweise entgegen wirken kann.

Die geistige Arbeit von Malewitsch und Klee intensivierte die menschliche Kreativität und förderte die Entstehung einer neuen Kunst, die einer neuen Kultur und Zivilisation zugrunde liegt. Vieles in der modernen Welt, auch Möbel, Inneneinrichtung und Kleidung, klares Industriedesign, sollte aus den Bemühungen der beiden Künstler entstehen. Es steht in der Tradition ihres geistigen Erbes. Diese Tendenz zur Verknappung, die letztendlich zur Vereinfachung des ganzen Lebens führt, gewinnt in der modernem Welt an Einfluss. Immer mehr Menschen auf der Welt bevorzugen Einfachheit und Mäßigung – die besten Mittel gegen physische, geistige und ethische „Bombastik“.

Wassily Kandinsky

Ebenso wie Paul Klee setzte sich auch Wassily Kandinsky professionell mit Musik auseinander und erkannte deren Beziehung zu Farben und visuellen Rhythmen. Die Korrelation von Farbe und Klang wird nicht nur oft behauptet, sondern ist längst erwiesenen: Farbe ergibt sich aus dem Klang. In einem Brief schreibt Van Gogh: „So schnell gehen meine Pinsel durch meine Finger, wie ein Bogen über die Violine, zu meiner absoluten Freude.“ (Van Goghs Briefe, Brief Nr.607, 19.September 1889). Mit unserer heutigen Kenntnis über die inneren Zusammenhänge menschlicher Wahrnehmung lesen wir diesen Satz nicht einfach als Redewendung, sondern als tieferen Einblick des Künstlers in die Wechselwirkung zwischen Klang und Farbe.

Physisch vermag das Gehör Klänge wahrzunehmen; geistig kann es die Klänge auseinander halten. Kandinsky suchte nach einer Synthese der Klänge, bei der zunächst ein einzelner Ton fixiert, dann als generalisierender Klang umgedeutet und später in der Summe dieser Vorstufen als vollkommenes Hören erlebt wird. Er versuchte einen Zustand des vollkommenen Gehörs zu erreichen, der den Klang zu einem Grundstein des Daseins, zur alles krönenden Synthese und zu einem Weg der Evolution macht.

Kandinsky war eine besonders empfindsam für Klänge, er konnte tatsächlich „Farben hören“. Diese Fähigkeit wird Synästhesie genannt, und Kandinskys wichtigste Aufgabe zeitlebens war die Darstellung jener verborgenen geistigen Verbindung. In seinen Arbeiten zeigt Kandinsky, dass es nicht so sehr auf den Ton wie auf seine farbige Wirkung ankommt. Denn man darf nie vergessen, dass jeder Ton sich auch als Farbe zu erkennen gibt. Und es ist der Klang einer Farbe, der in Augen des Künstlers den Erfolg einer Arbeit bestimmt. („Improvisation“, 1911; „Improvisation 26“, 1912; „Improvisation, Sintflut“, 1913, Städtische Galerie im Lenbachhaus)

Wir begreifen zwar, dass die Farben, die wir kennen, nur vom menschlichen Auge wahrgenommene Vibrationen sind. Aber die Vollkommenheit der Welt, die wir sehen, ist eigentlich unvollkommen, da sie nur dem Entwicklungsgrad, der Empfindlichkeit, also der physischen Beschaffenheit des Auges entspricht. Wie könnten Farben von einem künftigen Menschen gesehen werden, der über ein perfekteres Sehvermögen verfügt? Selbst dann jedoch bliebe ihm eine ganze Palette wunderschöner Farbtöne unsichtbar und verschlossen. Unter dem Strich kann man behaupten: Wer das Geheimnis der Farben löst, löst auch das Geheimnis des Lebens.

Kasimir Malewitsch

Abstrakte Anschauung und Denken, die Fähigkeit, Zeit und Raum auszuklammern, sind Reaktionen einer höher entwickelten Menschheit auf die Intensivierung der Vibrationen. Als logische Folge daraus entstanden die Massenbildung, eine riesige Menge gebildeter Menschen und eine größere Zahl selbständig denkender Individuen. Im Laufe der Evolution strebte der Mensch zunächst nach seinem Vorteil, danach aber nach abstrakten und synthetischen Zielen. Parallel entwickelt er die mentale Fähigkeit zur Intuition. Schon das Wort „Erleuchtung“ deutet auf eine Erweiterung des Wirkungsbereichs des Lichts hin.

Der Suprematist Kasimir Malewitsch steht künstlerisch in dieser intellektuellen Tradition, er ist ein Künstler der Erkenntnis. Das abstrakte Denken und die archetypischen Ideen verbindet ein und dieselbe Linie. Der Mensch denkt dabei nicht über die Naturgesetze oder das Leben nach, sondern über deren Erscheinungsformen und Existenzgründe. Der Mensch, der in dieser Richtung arbeitet, interessiert sich vor allem für Warum, Wie und Woher. Anhand der aufgetretenen Daseinsformen versucht er Archetypen und Ideale herzuleiten, zu begreifen und zu synthetisieren. Er denkt über das von ihm entworfene Ideal nach, er strebt nach einer universalen Vernunft, um deren Geheimnisse zum Ausdruck zu bringen. Malewitsch wusste intuitiv: Der Mensch selbst ist der Urheber des Gesetzes und der Ordnung, auch wenn diese seine Eigenschaft erst heute zu Tage tritt. Denn erst heute hat das „Menschengeschlecht“ jene geistige Reife erreicht, welche die Verhältnisse in nationalen, wirtschaftlichen, kulturellen und anderen Bereichen zu ordnen vermag, um mit einem neuen System die alte Epoche zu beenden. Ähnlich den altägyptischen Meistern, begann Malewitsch, unzufrieden mit der Widergabe rein emotionaler Zustände in den Arbeiten seiner Zeitgenossen, nach Gesetzmäßigkeit und Ordnung zu suchen, nach Gleichgewicht und Klarheit (oder gar nach der Schönheit der dargestellten Supersymmetrie), was ihm den höchst möglichen Zustand geistiger Aktivität bedeutete– ein geistiges Verharren im Licht.

Die begriffliche Analyse der Symbole führt uns ins Innere – vom Verstand zur abstrakten Vernunft, in die Welt der Ideen. Sie inspiriert den Geist, so dass wir den Begriff, also die Idee erfassen können, die einst dem Symbol zugrunde lag. Wir begreifen dessen Bestimmung und erkennen die Absicht, die das Erscheinungsbild einer Form prägt. Unsere Fähigkeit, den Sinn eines Symbols herauszulesen, ist wesentlich mit dem Reichtum der Bedeutungen verbunden, die wir den Ereignissen des Alltags abgewinnen. Die Interpretation eines Symbols ist rational geleitet, so dass körperliche Reaktionen kontrollierbar werden und Ziele und nicht mehr allein Wünsche verfolgt werden können. Nicht zu vergessen ist, dass es keine universal gültige Interpretation von Symbolen gibt, so dass jeder Mensch in ihnen seinen eigenen singulären Sinn findet.

„Das schwarzes Quadrat“ von Malewitsch ist ein Symbol, also eine zur sichtbaren Erscheinung gebrachte geistige Realität. Durch die Symbolanalyse vermögen wir hinter die Oberfläche der Erscheinungen in eine subjektive Realität einzudringen. Auf primitiven Entwicklungsstufen gewannen die Menschen durch Symbole auf einfache Weise große Wahrheiten. Ein Symbol lässt sich auf verschiedenen Ebenen analysieren: Zunächst geht es um die Analyse der Linie, der Figur, der Farbe. Auch unsere Sinne und Gefühle werden angesprochen. Dann folgt eine begriffliche Reflektion der Vorstellung, die einem Symbol zugrunde liegt, das heißt eine Auseinandersetzung mit seinem geistigen Gehalt. Danach kommt die synthetisierende Einsicht in die Bestimmung eines Symbols, um schließlich auf dessen Sinn und Zweck rückschließen zu können. Darin kulminiert die Analyse eines Symbols, die dessen kontextübergreifenden Gebrauch ermöglicht.

Wie in jedem anderen Kunstwerk erscheint auch im Bild eine „Darstellung von Integrität“. Diese zeugt von einem Bewusstsein der Einheitlichkeit und Unversehrtheit eines Ganzen, mit dem der Mensch sich identifizieren kann. Das Kunstwerk stellt ein Ganzes dar, lässt es zu Tage treten. Egal ob in Malerei, Theater, Film, Literatur oder Musik – stets zielt das Werk auf die Darstellung eines Ganzen, und allein die schöpferische Konzentration auf dieses Ganze vermag die Wahrheit über die Welt zu erzählen. Die künstlerische Darstellung von Integrität lässt die Wirklichkeit gleichsam von innen leuchten und überbrückt jene Kluft, die sonst zwischen der Welt des Geistes und unserem Alltag klafft.

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