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USA TODAY

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Der Weg zurÜck zur Macht

Von Oliver Koerner von Gustorf und Ossian Ward, Die Welt


London - Brian Sevell, Kunstkritiker des Londoner "Evening Standard", war bei der Vorbesichtigung alles andere als "amused": "Das ist das Schlimmste, was sich Charles je geleistet hat. "Sensation" ekelte mich zumindest noch an. Aber das hier lässt mich völlig kalt." Die Rede ist vom britischen Werbe-Tycoon und Mega-Sammler Charles Saatchi, der Anfang der 90er mit der Gruppenausstellung "Sensation" die Young British Artists in den Superstar-Himmel katapultierte und gerade zu einem neuen, ebenso spektakulären Coup ausholt.

Kein Zeitpunkt scheint dafür geeigneter als die Frieze Art Fair, die London zumindest im Oktober Jahr für Jahr zur wichtigsten Kunstmetropole der Welt macht. Wenn ab Mitte nächster Woche wieder potente Sammler und globale Kunst-Jetsetter in die Messezelte im Regent's Park strömen, wartet um die Ecke in der Royal Academy bereits Saatchis Blockbuster-Ausstellung "USA Today" mit rund vierzig Vertretern der jungen US-Kunst.

"Dies ist eine Ausstellung, die in unsere Zeit passt. Die Identität Amerikas wird wieder lebendig", ließ Norman Rosenthal, der Co-Kurator der Schau, im Vorfeld wissen. Doch warum wendet sich Saatchi, zumindest dem Anschein nach, von seinen heiß geliebten Young British Artists ab, die ihn einst in die Riege der weltweit angesehensten Kunstsammler katapultierten? Und warum werden in London ausgerechnet Amerikaner gefeiert, warum nicht die Deutschen, die bis vor Kurzem seine Sammelaktivitäten dominierten?

Wahrscheinlich, weil er ein ausgefuchster Geschäftsmann ist, der die Zeichen der Zeit liest, bevor ihm andere zuvorkommen. Natürlich gehört auch hier erst einmal die nötige Prise werbewirksamen Skandals dazu. Schon das erste Exponat der Ausstellung, Terence Kohs gleißende Neon-Gockelskulptur mit dem zweideutig schlichten Titel "Big White Cock", verkörpert den schlagzeilenträchtigen Witz, den man von einem Werbeguru erwarten würde. Empörten in den 90ern Saatchis junge Engländer mit Köpfen aus gefrorenem Blut, Beischlaflisten oder mit Elefantendung dekorierte Madonnendarstellungen, ziehen die jungen Amerikaner 2006 mit nur wenig originellen Pornozitaten nach.

Während die britische Presse brav den "Shock of the Nude" skandiert und hinter Laura Schnitzgers naiv-phallischer Stoffskulptur "I Want Kids" pädophile Provokation wittert, sieht die Künstlerin selbst darin "so etwas wie ein Fruchtbarkeitssymbol". Wer sich über so etwas aufregt, kann sich auch prima über "Monica", das Gemälde des aus Pennsylvania stammenden Gerald Davis, erzürnen, das ein neoexpressiv gepinseltes Mädchen beim Oralverkehr zeigt.

Doch nicht diese belanglosen sexuellen Provokationen begründen den eigentlichen Rummel um "USA Today", sondern ein ganz anderer Anspruch: die Idee, dass hier eine neue, erstarkte US-Szene als internationaler Impulsgeber gefeiert werden soll. Und mit dieser ziemlich vage formulierten Vorstellung steht Saatchi nicht allein da. Neben "USA Today" postuliert gerade die Gruppenschau "Uncertain States of America" in der Londoner Serpentine Gallery eine Wiederauferstehung der amerikanischen Gegenwartskunst - ebenfalls ohne einen deutlichen Hinweis auf eine bestimmte Stadt, Schule oder eine Gruppierung gleich gesinnter Künstler zu geben. So mancher fragt sich bereits, ob es bei der beschworenen "American Renaissance" um so etwas wie eine erneute, internationale Vorherrschaft der US-Kunstszene gehen mag.

Doch ist es überhaupt sinnvoll, über so etwas nachzudenken - in Zeiten, in denen sich der globale Kunstbetrieb von Berlin bis Peking erstreckt? Zumindest lohnt es sich unter markttechnischen Gesichtspunkten. Der erhitzte Kunstmarkt scheint sich dieser Tage ganz nostalgisch nach einem frischen Wind zu sehnen, der aus gewohnter Richtung weht, nach klaren Polaritäten und Verhältnissen.

Schon einmal war Amerika in Europa führend: Der abstrakte Expressionismus gilt heute als erste große Nachkriegsbewegung in der Kunst, mit der die USA lange vor Minimal- und Pop-Art zur kulturellen Weltmacht wurden. Heute weiß man, dass der CIA klammheimlich internationale Ausstellungen abstrakter Expressionisten wie Jackson Pollock und Mark Rothko finanzierte, um die abstrakte Kunst als politisches Gegenmodell zum Sowjetregime mit seinem Sozialistischen Realismus auszubauen.

Bei dem aktuellen Boom junger amerikanischer Kunst ist es jedoch nicht die US-Regierung, die die amerikanische Avantgarde protegiert. Im Gegenteil, die Bush-Administration hätte keine rechte Freude an "USA Today". Erstaunlicherweise sieht es so aus, als sei gerade im Niedergang der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Sphären des US-amerikanischen Lebens eine neue, erstarkte Kunstszene herangewachsen.

Tatsächlich reagieren viele der ausgestellten Arbeiten in "USA Today" ganz direkt auf fatale Ereignisse, die sich unter der Regierung Bush zugetragen haben, vom Hurrikan "Katrina" über die Terroranschläge vom 11. September und den Krieg im Irak bis zu den sich immer weiter vertiefenden Klassenunterschieden, die den amerikanischen Traum für viele zum Albtraum werden lassen. In London wird dementsprechend nicht patriotisch die Flagge gehisst. Vielmehr legen beide US-Schauen eine antinationale Haltung an den Tag.

Den Auftakt zu "Uncertain States of America" bildet Frank Bensons 2005 entstandene "Flag", ein Neuentwurf der berühmten "Stars and Stripes", wobei die Sterne und Streifen so aussehen, als seien sie vom Winde verweht. Auch Marc Handelmans gespiegelte Variante der US-amerikanischen Flagge "Our Banner in the Sky" nutzt in "USA Today" ähnliche Mittel, um den fehlenden Zusammenhalt der Nation zu kommentieren, und verweist zugleich auf die visionären Karten und Flaggen, die Jasper Johns in den 1950ern malte.

Die Ausstellung in der Royal Academy beinhaltet gleich mehrere Beispiele, in denen die amerikanischen Landesgrenzen neu gezogen werden. Dazu gehört auch das Gemälde "US World Studies II" von Jules de Balincourt. Anhand der jeweiligen Wahlkampfspenden der Republikanischen Partei nahm der in Brooklyn ansässige Franzose eine eigenwillige Neudefinition der Staaten vor, die er entsprechend des Spendenaufkommens vergrößerte, verkleinerte oder verschob. Dabei präsentiert Balincourt, der als kommender Superstar gehandelt wird, eine verquere Welt. Die USA sind nicht nur das mächtigste Land der Erde, sondern sehen sich auch bedrohlich von Nordkorea, China, dem Irak und einer Flotte von Öltankern eingekreist.

Dass ein negatives politisches Klima der Kunst in ganz bestimmten Zeiten enormen Auftrieb geben kann, ist sicher kein neues Phänomen. Allerdings scheint es eine hervorstechende Eigenschaft amerikanischer Künstler zu sein, dass sie weniger subtil, aber dafür viel unmittelbarer und direkter auf politische Ereignisse eingehen können als ihre europäischen Kollegen.

Darauf setzt "USA Today" und versucht ausschließlich Werke zu versammeln, die starke, eindeutige Positionen vertreten wie zum Beispiel die Installation des New Yorkers Banks Violette - eine frostige Einöde aus Heavy-Metal-Instrumenten und kunstharzüberzogenem Gesteinsschutt - oder auch das Schaubild sterbender und verwundeter Soldaten, die der Kanadier John Pylypchuk aus Holzresten und ausgestopften Socken fertigte.

Es ist einfach leichter, sich als Künstler an der Irak-Krise oder den Bigotterien pädophiler Republikaner abzuarbeiten als an einer lauwarm in Angriff genommenen Gesundheitsreform. Das gibt den in "USA Today" vertretenen Künstlern den rebellischen Touch, nach dem sich Sammler und Kuratoren sehnen. Doch spätestens, wenn die Rebellion gegen politische und ästhetische Apathie solchen Schrott wie Ryan Trecartins aus Mangofleisch geformte Frauenfiguren hervorbringt, sieht man die Kehrseite dieser Verhältnisse. Darüber kann auch Saatchis glänzend geschmierte PR-Maschinerie nicht hinwegtäuschen: Klare Fronten machen nicht automatisch gute Kunst.





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